Jeden Morgen, wenn ich meine Augen öffne, lehne ich mich zur Seite, um den Wecker auszuschalten, schlage die Decke zurück und schwinge mich aus meinem Bett und setze meine Brille auf. Jeden Morgen gehe ich ins Badezimmer, putze meine Zähne und ziehe mich an. Meine Lieblingsjeans, meinen Ledergürtel und irgendein Bandshirt. Dann steige ich die Treppe herunter und nehme mir mein Frühstück aus dem Kühlschrank, bevor ich zum Bus laufe. Jeden Morgen das gleiche – fast schon mechanisch.
Und jeden Morgen – außer an den Wochenenden – steige ich aus dem Bus aus. Meine viel zu weite Hose und mein viel zu weites Shirt schlabbern im Wind, aber so sehe ich wenigstens nicht so dünn aus. So sehen mich die anderen wenigstens nicht an, als würde ich gleich umfallen. Und so bekomme ich wenigstens nur noch 80 mal am Tag zu spüren, wie sehr mich die anderen nicht leiden können. ‚Du bist hässlich.‘, haben sie gesagt. ‚Gibt dir niemand was zu essen?“, haben sie gefragt. ‚Ekelhaft dünne Brillenschlange!‘, haben sie mich genannt. Und auch, wenn ich diese drei Größen zu großen Kleidungsstücke nicht mag, sie nicht schön finde und mindestens 2 Mal am Tag irgendwo hängen bleibe – schon allein diese 20% weniger Mobbing, diese 20% des Schultages, die ich meine Ruhe habe, ist es gut, dass ich mich durch meine Kleidung verändert habe. Und wenn ich mich weiter verändere, dann werden sie mich irgendwann mögen… 

Was genau gibt Menschen ein gutes Gefühl dabei, wenn sie alle Zeit und Energie, die sie haben, darin verwenden, um eine oder mehrere Personen auf irgendeine Art und Weise schlecht zu machen? Warum muss man immer an anderen etwas zu meckern finden?
Ob diejenigen sich vielleicht schon einmal die Frage gestellt haben, wie sie sich fühlen würden, wenn sie in der Haut des anderen stecken?
Jeder Mensch, egal ob jung, ob alt, ob Mädchen, ob Junge, ob dick, ob dünn, ob sportlich oder kurvig. Jeder Mensch, egal ob hellhäutig oder dunkelhäutig, ob der deutschen Sprache oder einer anderen Sprache mächtig hat das Recht, so zu sein, wie er oder sie ist und sich nicht verstellen zu müssen. Denn genau so, wie derjenige/diejenige ist und aussieht und sich diese Person auch wohl fühlt, genau so ist er/sie perfekt.

Nicht jeder muss dem allgemeinen gesellschaftlich anerkannten Bild von Hübsch entsprechen. Hübsch oder attraktiv ist jemand, der einen guten Charakter hat, jemand der liebevoll, nett, lustig, freundlich, glücklich ist. Auch Menschen, die ein komplett symmetrisches Gesicht und einem – laut neuester Fitnesswahnzeit entsprechenden – trainierten Size-Zero Körper haben, können unglaublich hässlich sein. Und damit meine ich nicht das Aussehen – ich meine damit den Charakter.

Ich bin im Allgemeinen kein Fan davon, jeder Modewelle hinterher zu surfen. Das gesellschaftliche Bild von SCHÖN und PERFEKT hat sich in den Jahren schon häufig geändert. Erinnern wir uns zurück an die Renaissance, dass starke Hüfte und Wohlgenährtheit als Ideal galten. Damit möchte ich jetzt nicht zu Fettleibigkeit oder sonstigem aufrufen. Und auch der Satz: „Nimm dich so, wie du bist. Denn genau so bist du perfekt.“, ist auch mit zweierlei Augen zu sehen. Es hilft überhaupt nichts, 5 mal in der Woche für je 2 Stunden ins Fitnessstudio zu gehen, genauso wenig wie es hilft, zu Hause auf der Couch zu sitzen und sich mit Tonnen an Chips, Schokolade, etc. voll zustopfen. Die Frage, die ihr euch stellen müsst, ist, ob ihr euch in euerer Haut wohl fühlt. Solange ihr das tut, trifft der Spruch Hundertprozent zu. Betrachtet euch einmal im Spiegel. Schaut euch an und stellt euch die Frage: „Mag ich mich?“ Das erscheint im ersten Moment vielleicht etwas komisch, aber sobald ihr die Antwort habt, dann könnt ihr entscheiden, ob ihr etwas ändern wollt oder nicht. Es hilft nichts, wenn ihr euch verändert, nur damit andere euch mögen. Das ist der größte Bullshit überhaupt, denn dann wird das Selbstwertgefühl nie besser werden. Ihr müsst euch selbst mögen und wenn ihr das tut, dann strahlt ihr genau dieses Gefühl auch aus und dann werdet ihr sehen, dass euch andere Menschen ebenfalls ganz anders wahrnehmen. Also wenn ihr es liebt 5 mal in der Woche Sport zu machen, wenn ihr es liebt, Süßigkeiten und Kabberzeug zu essen und das euer Lebensstil ist und ihr damit zufrieden seid, dann ist alles super, so wie es ist.

Oft sollten sich diejenigen, die andere aufgrund ihres Aussehens beurteilen und sogar auch mobben, die Frage stellen, wieso sie das eigentlich tun. Meist sind es nämlich genau die Menschen, die am wenigsten mit sich selbst zufrieden sind. Traurig ist es nur, dass diejenigen dann die Energie lieber in das Schlechtmachen eines Anderen investieren, als in Zeit in sich selbst.

Jeden Morgen, wenn ich meine Augen öffne, lehne ich mich zur Seite, um den Wecker auszuschalten, schlage die Decke zurück und schwinge mich aus meinem Bett und setze meine Brille auf. Jeden Morgen gehe ich ins Badezimmer, putze meine Zähne und ziehe mich an. Meine Lieblingsjeans, meinen Ledergürtel und irgendein Bandshirt. Dann steige ich die Treppe herunter und nehme mir mein Frühstück aus dem Kühlschrank, bevor ich zum Bus laufe. Jeden Morgen das gleiche – fast schon mechanisch.

Am Ende sind wir doch irgendwie alle gleich: Wir sind Menschen mit Gefühlen.

* fiktive Geschichte mit wahrem Kern